Produktion & FertigungZuletzt geprüft: 2026-07-30

Fertigungsstückliste

Eine Fertigungsstückliste listet vollständig auf, welche Komponenten, Materialien und Mengen benötigt werden, um ein bestimmtes Erzeugnis herzustellen. Sie ist die produktionsorientierte Form der Stückliste und bildet zusammen mit dem Arbeitsplan die Grundlage jedes Fertigungsauftrags.

Eine Fertigungsstückliste ist die vollständige, strukturierte Auflistung aller Komponenten, Roh-, Hilfs- und Zukaufteile mitsamt den jeweiligen Mengen, die benötigt werden, um ein bestimmtes Erzeugnis herzustellen. Sie beantwortet die Frage „Was muss ich in welcher Menge bereitstellen, um dieses Produkt zu fertigen?" und ist damit die produktionsorientierte Ausprägung der allgemeinen Stückliste. Anders als eine rein technische Konstruktionsstückliste ist sie am realen Herstellungsprozess ausgerichtet und berücksichtigt Fertigungsschritte, Ausschuss und tatsächlichen Materialverbrauch.

Zusammen mit dem Arbeitsplan – der die Arbeitsgänge, Ressourcen und Zeiten beschreibt – bildet die Fertigungsstückliste das Fundament der Produktionsplanung. Aus ihr leitet das ERP- oder PPS-System ab, welche Materialien in welcher Menge zu welchem Termin beschafft und bereitgestellt werden müssen. Beim Anlegen eines Fertigungsauftrags wird die Stückliste „aufgelöst": Das System rechnet die benötigten Mengen auf die Auftragsstückzahl hoch und reserviert oder disponiert die Komponenten entsprechend.

Auf einen Blick

  • Auflistung aller Komponenten und Mengen zur Herstellung eines Erzeugnisses
  • Produktionsorientiert – im Gegensatz zur funktionsorientierten Konstruktionsstückliste
  • Grundlage für Materialbedarfsplanung (MRP), Kalkulation und Fertigungsauftrag
  • Meist mehrstufig: Baugruppen enthalten wiederum eigene Stücklisten
  • Ausschuss, Alternativteile und Fertigungsschritte werden berücksichtigt

Was steht in einer Fertigungsstückliste?

Eine Fertigungsstückliste besteht aus einem Kopf, der das herzustellende Erzeugnis identifiziert, und einer Reihe von Positionen. Jede Position benennt ein benötigtes Material oder eine Komponente mit Artikel- beziehungsweise Materialnummer, der erforderlichen Menge je Fertigungseinheit und der Mengeneinheit. Ergänzt wird dies häufig um Angaben zu Ausschuss- oder Verschnittzuschlägen, zulässigen Alternativmaterialien, Gültigkeitszeiträumen und der Zuordnung zu einzelnen Arbeitsgängen.

Charakteristisch für die Fertigungsstückliste ist ihr Bezug zur realen Herstellung. Sie enthält nicht nur die funktionalen Bauteile eines Produkts, sondern auch fertigungsbedingte Hilfsstoffe wie Kleber, Schrauben oder Verpackung sowie kalkulatorische Zuschläge für Materialverlust. Damit unterscheidet sie sich bewusst von einer idealisierten Konstruktionssicht und spiegelt wider, was in der Werkstatt tatsächlich verbraucht wird.

Ein- und mehrstufige Stücklisten

Eine einstufige Fertigungsstückliste zeigt nur die direkt in ein Erzeugnis eingehenden Komponenten der obersten Ebene. Besteht ein Produkt aus Baugruppen, die selbst gefertigt werden, entsteht eine mehrstufige Struktur: Jede Baugruppe verfügt über eine eigene Stückliste. Bei der Stücklistenauflösung arbeitet sich das System über alle Ebenen nach unten, bis es auf reine Kauf- oder Rohteile stößt, und ermittelt so den gesamten Materialbedarf.

Struktur-, Mengen- und Baukastenstückliste

Je nach Darstellung unterscheidet man Formen der Stückliste. Die Strukturstückliste bildet die vollständige Erzeugnishierarchie mit allen Ebenen ab. Die Mengenstückliste fasst gleiche Teile über alle Ebenen zu einer Gesamtmenge zusammen. Die Baukastenstückliste beschreibt jeweils nur eine Ebene – ein Erzeugnis oder eine Baugruppe und deren unmittelbare Bestandteile – und ist besonders pflegeleicht, weil Baugruppen mehrfach wiederverwendet werden können.

Wie die Fertigungsstückliste im ERP-System funktioniert

Im ERP-System ist die Fertigungsstückliste ein Stammdatenobjekt, das dauerhaft hinterlegt ist und auf den Materialstamm verweist. Sie wird nicht bei jedem Auftrag neu erfasst, sondern einmal gepflegt und dann immer wieder verwendet. Sobald ein Fertigungsauftrag angelegt wird, kopiert das System die relevante Stückliste als auftragsbezogene Komponentenliste in den Auftrag und multipliziert die Mengen mit der Losgröße.

Der entscheidende Mechanismus ist die Stücklistenauflösung im Rahmen der Materialbedarfsplanung (MRP). Aus dem geplanten Bedarf an Fertigerzeugnissen berechnet das System über alle Stücklistenebenen hinweg, welche Baugruppen zu fertigen und welche Kauf- und Rohteile in welcher Menge und zu welchem Termin zu beschaffen sind. Verfügbare Bestände und offene Bestellungen werden dabei gegengerechnet, sodass am Ende konkrete Bestell- und Fertigungsvorschläge stehen.

Darüber hinaus dient die Fertigungsstückliste als Basis der Vorkalkulation. Durch Bewertung der aufgelösten Komponenten mit Einkaufs- oder Verrechnungspreisen ermittelt das System die Materialkosten je Erzeugnis; zusammen mit den Zeiten aus dem Arbeitsplan ergeben sich die Herstellkosten. Bei der Rückmeldung eines Fertigungsauftrags werden die verbrauchten Komponenten aus dem Lager gebucht und das fertige Erzeugnis eingelagert, wodurch die Bestandsführung stets zur realen Produktion passt.

Warum die Fertigungsstückliste wichtig ist

Die Fertigungsstückliste ist das zentrale Bindeglied zwischen Produktdefinition und operativer Produktion. Ohne sie ließe sich weder der Materialbedarf zuverlässig planen noch eine belastbare Kalkulation erstellen. Fehler in der Stückliste – eine falsche Menge, ein vergessenes Bauteil, ein veralteter Zuschlag – pflanzen sich unmittelbar in Beschaffung, Bestand und Kosten fort und führen zu Fehlmengen, Stillständen oder falsch kalkulierten Preisen.

Eine sauber gepflegte Fertigungsstückliste ermöglicht dagegen eine durchgängige Automatisierung: Bedarfe werden korrekt disponiert, Bestände stimmen mit der tatsächlichen Fertigung überein und Herstellkosten sind jederzeit nachvollziehbar. Weil dieselbe Stückliste für viele Aufträge genutzt wird, entfaltet Datenqualität hier eine besonders große Hebelwirkung. Änderungen an Produkten müssen über ein geordnetes Änderungswesen mit Gültigkeitsterminen abgebildet werden, damit laufende und künftige Aufträge jeweils mit dem richtigen Stand arbeiten.

Abgrenzung: Fertigungsstückliste vs. Konstruktionsstückliste

Die häufigste Verwechslung besteht zwischen Fertigungsstückliste und Konstruktionsstückliste. Beide beschreiben denselben Artikel, verfolgen aber unterschiedliche Zwecke. Die Konstruktionsstückliste (engl. Engineering BOM) entsteht in der Entwicklung und ordnet die Bauteile nach funktionalen und technischen Gesichtspunkten – sie zeigt, wie ein Produkt konstruiert ist. Die Fertigungsstückliste (engl. Manufacturing BOM) leitet sich daraus ab und ordnet die Komponenten nach dem Herstellungsablauf.

Warum sich beide Sichten unterscheiden

Die Fertigungssicht ergänzt die Konstruktionssicht um alles, was zum Herstellen nötig ist, in der Konstruktion aber keine Rolle spielt: Ausschusszuschläge, Hilfs- und Betriebsstoffe, Verpackung sowie die Zuordnung von Teilen zu konkreten Arbeitsgängen. Umgekehrt werden rein konstruktive Angaben, die für die Fertigung irrelevant sind, weggelassen. In integrierten Systemen wird die Fertigungsstückliste daher oft aus der Konstruktionsstückliste generiert und anschließend produktionsgerecht angepasst.

Fertigungsstückliste in Produktion und DACH-Praxis

Im deutschsprachigen Raum ist die Stücklistenterminologie eng an die Normung angelehnt. Die DIN 199 definiert die Begriffe des Stücklistenwesens, und in produktionsnahen Systemen – etwa im SAP-Umfeld – ist statt vom Artikelstamm häufig vom Materialstamm die Rede, auf den die Stücklistenpositionen verweisen. Für die Fertigung spielen zudem Chargen- und Seriennummern eine Rolle, wenn die Herkunft verbauter Komponenten rückverfolgbar sein muss.

Für variantenreiche Produkte kommen Varianten- oder Maximalstücklisten zum Einsatz: Über Regeln und Merkmale werden aus einer konfigurierbaren Grundstückliste die konkret benötigten Komponenten je Produktvariante abgeleitet, statt für jede Ausprägung eine eigene Stückliste zu pflegen. In der Praxis reicht die Spanne von einfachen Sets im Handel – etwa einem Bundle aus mehreren Einzelartikeln – bis zu tief verschachtelten Erzeugnisstrukturen in der Serienfertigung. Entsprechend unterscheiden sich ERP-Systeme stark darin, wie mächtig ihr Stücklisten- und Fertigungsmodul ausgeprägt ist.

Praxisbeispiel

Beispiel: Manufaktur fertigt Schreibtischlampen auf Basis einer Stückliste

Ein Mittelständler fertigt Design-Schreibtischlampen. Für das Modell „Studio" ist im ERP eine Fertigungsstückliste hinterlegt: Fuß aus Metall, Leuchtenarm, LED-Modul, Netzteil, Kabel mit Stecker, Schrauben und Verpackung – jeweils mit exakter Menge und einem Ausschusszuschlag von zwei Prozent auf das LED-Modul. Der Leuchtenarm ist selbst eine Baugruppe mit eigener Stückliste, sodass eine mehrstufige Struktur entsteht.

Als der Vertrieb einen Auftrag über 500 Lampen meldet, legt die Fertigung einen Fertigungsauftrag an. Das System löst die Stückliste auf, multipliziert alle Positionen mit 500 und gleicht den Bedarf mit den Lagerbeständen ab. Für das knappe Netzteil erzeugt die Materialbedarfsplanung automatisch einen Bestellvorschlag beim Lieferanten, während der Leuchtenarm als Eigenfertigung eingeplant wird. Nach Fertigstellung werden die verbrauchten Teile abgebucht und 500 fertige Lampen eingelagert – Bestände und Herstellkosten stimmen ohne manuelle Nacherfassung.

Häufige Fragen

Beide beschreiben dasselbe Produkt, aber aus verschiedenen Blickwinkeln. Die Konstruktionsstückliste ordnet die Bauteile nach funktionalen und technischen Kriterien und entsteht in der Entwicklung. Die Fertigungsstückliste ist am Herstellungsablauf ausgerichtet und ergänzt Ausschuss, Hilfsstoffe und die Zuordnung zu Arbeitsgängen.
Bei der Auflösung rechnet das ERP-System eine mehrstufige Stückliste über alle Ebenen nach unten durch, bis nur noch Kauf- und Rohteile übrig bleiben. Die Mengen werden dabei auf die geplante Stückzahl hochgerechnet. So ermittelt die Materialbedarfsplanung, welche Teile in welcher Menge und zu welchem Termin bereitstehen müssen.
Die Fertigungsstückliste beschreibt, welches Material benötigt wird; der Arbeitsplan beschreibt, welche Arbeitsgänge, Maschinen und Zeiten zur Herstellung nötig sind. Erst beide zusammen ergeben ein vollständiges Bild eines Erzeugnisses und bilden die Grundlage für Fertigungsauftrag, Terminierung und Herstellkostenkalkulation.
Auch ohne klassische Fertigung sind Stücklisten nützlich – etwa für Sets oder Bundles im Handel, bei denen mehrere Einzelartikel zu einem Verkaufsartikel zusammengefasst werden. Beim Verkauf löst das ERP-System die Stückliste auf und bucht die Bestände der Einzelkomponenten korrekt ab.

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